So war das halt!

… Ich kam 1952 ins Heim und musste bleiben bis 1956.
In dem Heim war man kein Kind, sondern eine Nummer. Ich war 12 Jahre alt und die Nummer 22. Alle waren gleich, damit wurde der Einzelne nicht gesehen.

Ich mag mich nicht erinnern, wo ich war, als ich achtzehn wurde.
Das ist wie ein Stigma, dass ich das nicht kann.
Fast jeder weiß, was er gemacht hat, als er achtzehn war. Das ist so ein Punkt im Leben, an den man sich erinnert.
Es ist nicht da! Bei mir ist nichts da! Das finde ich schlimm.
Etwas hat mich sehr geprägt: Wenn mein Adoptivvater betrunken war, schlug er meine Adoptivmutter. Dann hatte ich auch Angst vor ihm, obwohl er mir nie was getan hat.
Meine Adoptiveltern haben auch nie Gespräche geführt. ‚Ja‘ und ‚nein‘, das war alles, was gesprochen wurde. Das habe ich bei der Verwandtschaft von meiner Adoptivmutter auch so erlebt.
Es war in der Zeit wohl so.
Nur in Zürich bei meiner Patentante, da wurde eher geredet. …
Ich habe als Kind zwar gelebt, aber ich würde fast sagen: nicht bewusst. Wie in einer Hülle, durch die man durchsehen konnte. Die war nicht zu, das nicht. Aber irgendwie war ich gefangen. Eingeschlossen…

Margrit Sauer, eine inzwischen 80-jährige Schweizerin, berichtet, wie sie eine an Zuneigung, Bildung und Nahrung sehr ärmliche Kindheit, zwei Heimaufenthalte und das Obdachlosendasein in London überlebt und in einem Urlaubsort in Spanien den Mann ihres Leben gefunden hat.
Obwohl sie mit ihren Adoptiveltern in einem gewissen Wohlstand lebt, kümmert sich keiner der beiden in ausreichendem Maße um sie und ihre Bedürfnisse.
Sie erfährt erst durch das Zusammenleben mit ihrem Mann, dass ihre Bedürfnisse wichtig sind. Seine Liebe gibt ihr Halt und befähigt sie, sesshaft zu werden und ihrem Kind Möglichkeiten zu bieten, die sie selbst nie hatte.
Der Tod ihres Mannes lässt sie buchstäblich „am Boden zerstört“ zurück und es dauert Jahre, bis sie sich aus der schlimmsten Trauer herausarbeiten kann.
Diese und viele andere Erinnerungen holte sich die Erzählerin in einem mehr als einjährigen Prozess wieder ins Bewusstsein, in dem sie sich erneut mit allen Höhen und Tiefen ihres Lebens konfrontiert hat.
Mehrmals war es ihr so schwer, dass sie aufgeben wollte. Doch sie hat immer wieder den Mut für die bewusste und kritische Auseinandersetzung mit ihrem Leben gefunden.
Weil sie nicht Opfer bleiben wollte.

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Lesermeinung (Josef H., 80, in einem Brief an die Autorin)

„… zumal die große Mehrheit der Menschen, die mir im Leben begegnet sind, immer nur darauf achten, dass – in ihrem Sinne – die Außenwirkung stimmt (wie möchte ich wahrgenommen werden?). Wieviel Lebensenergie wird hierdurch verschwendet??
Das gilt sogar noch im hohen Alter.
Sie (gemeint ist die Autorin) leisten daher mit Ihrem Projekt einen kleinen Beitrag zu einer etwas besseren Gesellschaft in Richtung „sich selbst annehmen wie man ist“. Ich weiß, das ist schwierig!!

Ich habe auch für mich etwas aus dem Buch „gelernt“. Gerade im Alter muss man
m. E. noch viel lernen, um mit „immer weniger“ (kleinere Kreise zum Leben) fertig zu werden.
… “

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